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Retro-Trend und Pixel-Kult

 Viele aktuelle Spiele orientieren sich an großen Klassikern oder sehen selbst aus, als wären sie vor zehn, zwanzig Jahren oder gar dreißig Jahren entstanden. Neue Phänomene wie Kickstarter und Early Access bieten auch kleinen Studios die Möglichkeit, ihre Produkte anzubieten und verliehen den Spielern eine gewichtige Stimme. Ein Überblick über aktuelle und kommende Retro-Games.

Wie sieht man die Welt, wenn man für 200 Jahre in einem Bunker eingeschlossen war und wieder an die Erdoberfläche kommt? In der Zwischenzeit haben sich fremde Lebensformen ausgebreitet, es herrscht das Gesetz des Stärkeren. Schritt für Schritt erkundet man die menschenfeindliche, radioaktiv verseuchte Umgebung, versucht zu überleben und sich so gut es geht den herrschenden Bedingungen anzupassen. Das ist die Hintergrundgeschichte von „Fallout 4“, das kürzlich auf der E3 in Los Angeles gefeiert und mit Preisen überhäuft wurde und sicher auch auf der diesjährigen Gamescom zu den absoluten Megahits zählen wird.

Es ist bezeichnend, dass gerade dieses Spiel derzeit für Furore sorgt. Denn seine Wurzeln gegen in 1980er-Jahre zurück, eine Zeit, in der die Schrecken der atomaren Bedrohung allgegenwärtig schienen. Auch das dem „Fallout“-Universum zugrundeliegende, 1987 erschienene „Wasteland“ bekam mit „Wasteland 2“ gerade eine Fortsetzung. Das beklemmende Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen, ist offenbar auch 2015 hochaktuell, auch wenn die Schreckgespenster der Neuzeit eher Terrorismus und Klimawandel heißen.

„Fallout 4“ bietet eine Mischung aus Rollenspiel und rundenbasierten Kämpfen. Die eigentliche Attraktion des Spiels ist jedoch wie bei vielen aktuellen Blockbustern die gigantische Spielwelt, in der man sich frei bewegen kann. Er habe bereits rund 400 Stunden im postapokalyptischen Boston verbracht, so Jeff Gardiner, der leitende Produzent des Spiels, und entdecke doch immer wieder etwas Neues: Die Spiele, so scheint es, wachsen mehr und mehr über ihre Schöpfer hinaus.

Das Moment der Überraschung, die Fähigkeit, den Entdeckerdrang im Spieler zu wecken, das gehört seit jeher zu den wichtigsten Voraussetzungen eines guten Spiels, möglicherweise ist es sogar seine DNA. Und Freiheit, das verdeutlicht kaum eine Spielreihe besser als „Fallout“, bedeutet immer auch, dass man mit den Konsequenzen des eigenen Handelns leben muss.

Ironischer Blick in die Vergangenheit

Typisch für „Fallout“ ist auch der ironisch gebrochene Blick in die Vergangenheit. Grundlage für Spielwelt und Design ist eine idealisierte Welt der 50er-Jahre, die durch tragische, aber nicht näher beschriebene Umstände vollkommen aus den Fugen geraten ist. Der „Vault Boy“, eine penetrant grinsende Zeichentrickfigur, wartet mit zynischen Kommentaren und Überlebenstipps auf, und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine „Hilfe“ alles nur noch schlimmer macht. Er erinnert an die Werbemaskottchen vergangener Zeiten, in denen man noch daran glauben durfte, dass nach einer Tasse Instantkaffee der richtigen Marke die Welt wieder in Ordnung sein würde.

Gleichzeitig verkörpert der blonde Strahlemann im blauen Overall die Verheißungen der Popkultur und damit die eigene Geschichte, die Geschichte der Videospiele. Das Selbstbewusstsein, wie Literatur oder Film eigene Interpretationen der Wirklichkeit liefern zu können, ist bei Entwicklern und Spielern mittlerweile zum Common Sense geworden. Mit entsprechender Selbstverständlichkeit adaptiert man heute Klassiker, bedient sich bei deren Formensprache und veröffentlicht Titel, die aussehen, als seien sie vor dreißig Jahren entstanden.

Mayan Death Robots Das Independent-Studio Sileni wurde 2012 im belgischen Antwerpen von zwei jungen Enthusiasten gegründet. Ihre Maya-Todesroboter sind ein irres Kampfspiel mit Anleihen bei dem Klassiker „Worms“ und dem Smartphone-Hit „Angry Birds“. Zwei Spieler stehen sich in fantastischen 2D-Landschaften gegenüber und müssen den Gegner unter Zeitdruck mit Hilfe antiker Maya-Roboterwaffen außer Gefecht setzen – ein Konzept, das sich genauso wahnwitzig spielt, wie es sich anhört. Sileni, für PC, erhältlich als Alpha-Version bei Steam.

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Cuphead orientiert sich an US-Cartoons der 30er-Jahre. Spielerisch standen bei der Side-Scrolling-Ballerei erkennbar Klassiker wie „Contra“ und „Metal Slug“ Pate. Grafik wie Gegner sind ebenso kunstvoll wie abstrus: Von Seejungfrauen und weinenden Riesenkartoffeln bis hin zu boxenden Fröschen wird alles geboten. Hier regiert der Cartoon-Wahnsinn, die Grafik ist nicht nur für Comic-Fans einfach unwiderstehlich. Doch vor allem der skurrile Humor dürfte „Cuphead“ zum Geheimtipp für Fans des Ungewöhnlichen machen. Microsoft, für Xbox One, erscheint: 2016

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Legend of Kay erschien erstmals 2005 für die Playstation 2 und ist mittlerweile so etwas wie ein moderner Klassiker, der auf so ziemlich allen Spielplattformen erschienen ist. Die deutsche Spieleschmiede Neon Software schickt Titelheld und Kung-Fu-Katze Kay auf ein actionreiches Martial-Arts-Abenteuer vor exotischer Kulisse. Dem liebevoll überarbeiteten Remake will der Publisher Der Publisher eventuell eine Fortsetzung folgen lassen. Nordic Games, für Wii U, Playstation 3 und 4, Xbox 360 sowie PC und Mac, 20 bis 30 Euro.

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Dark Souls III ist der Abschluss der Reihe, die 2009 mit „Demon’s Souls“ ihren Anfang nahm. Wurden Spiele lange Zeit immer leichter, drehte das japanische Studio From Software die Uhr zurück. Es entstanden Action-Rollenspielen, die wegen des heftigen Schwierigkeitsgrads selbst Hardcore-Gamern die Tränen in die Augen treiben. „Die Kampfgeschwindigkeit wurde nach oben geschraubt, die Grafik orientiert sich am kunstvollen Düsterlook von „Bloodborne“ des gleichen Studios. Bandai Namco für PC, PS4 und Xbox One, erscheint: Anfang 2016.

Anno 2205 Der erste Teil der Wirtschaftssimulation erschien 1998, seither ist „Anno“ eine deutsch-österreichische Erfolgsgeschichte. Im neuesten Teil bricht die Menschheit erstmals Richtung Mond auf, um der Überbevölkerung auf dem Heimatplaneten zu begegnen. Dazu müssen auf der Erde aber erst einmal die Voraussetzung in Form von futuristischen, wirtschaftlich prosperierenden Städten geschaffen werden – all das dank einer neuen Engine mit einem überragendem Detailgrad dargestellt. Ubisoft Blue Byte, für PC, erscheint: 3. November

Rare Replay Das britische Studio Rare entwickelte viele Jahre exklusiv für Nintendo, bis es 2002 von Microsoft übernommen wurde. Zum 30. Geburtstag erscheint nun eine Sammlung von 30 Klassikern. Zu den Highlights zählen der Ego-Shooter „Perfect Dark“ sowie das subversive Action-Spiel „Conker’s Bad Fur Day“, in dem sich ein verkatertes Eichhörnchen durch eine skurrile Märchenwelt pöbelt. Auch die Kampfschildkröten „Battletoads“, erstmals erschienen für das Nintendo Entertainment System und Sega Mega Drive fehlen nicht. Microsoft, für Xbox One, 4. September, rund 30 Euro.

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Journey Der Minimalismus lässt an Klassiker denken, dennoch ist dieser Meilenstein zukunftsweisend wie kaum ein anderes Spiel. In einer fantastischen, von Sandstürmen aufgewühlten Wüste bahnt sich der Spieler seinen Weg zu einem unbekannten Ziel. Zeit und Raum scheinen aufgehoben – ein meditatives Erlebnis der besonderen Art. Die 2012 erschienene PS3-Fassung wurde für die neue Playstation-Generation grafisch überarbeitet und ist nun so schön wie nie zuvor. Vorbildlich: Wer bereits den Vorgänger besitzt, bekommt die neue Version gratis. Sony, für PS4, 15 Euro über PSN.

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Victor Vran tritt in die übergroßen Fußstapfen von „Diablo“. Nach dem klassischen Prinzip des „Hack and Slay“ kämpft sich der Spieler durch eine ständig anschwellende Flut von Gegnern. Der Spielfigur hat Haemimont Games, der größte Spielentwickler Bulgariens, jede Menge Action eingehaucht: Es wird gesprungen, gehechtet und ausgewichen, so dass sich das Ganze manchmal wie eine Art Indiana Jones in der Unterwelt anfühlt. Der Charakter entwickelt sich entsprechen den Aktionen des Spielers weiter. EuroVideo Medien, für PC, erhältlich als Early Access bei Steam.

Steffen Haubner

Über Steffen Haubner

Steffen Haubner M.A. schloss 1997 sein Studium Soziologie an der Universität Hamburg ab. Seitdem arbeitet er als freier Autor und Fachlektor für zahlreiche Verlage und Publikationen mit den Schwerpunkten Technik und Neue Medien. Insbesondere widmet er sich den Themenbereichen Windows, Mobilfunk, Sicherheit, Games und Multimedia. Er ist für diverse Tageszeitungen und Magazine tätig. Außerdem verfasste er mehrere Belletristik-Titel und Fachbücher, zuletzt „Android-Tablets für Einsteiger“ (VKI, Wien 2014).

Ein Gedanke zu „Retro-Trend und Pixel-Kult

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