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Amazon als Prüfinstanz?

Auch in unseren an – vorsichtig ausgedrückt – skurrilen Nachrichten aus der Welt der Politik wahrlich nicht armen Zeiten gibt es immer wieder solche, die einen fassungslos machen. „Amazon Rezensionen könnten EU-Sicherheitsprüfungen ersetzen, sagt Brexit-Offizielle“, lautete kürzlich eine Schlagzeile des Londoner „Evening Standard“. Hintergrund ist eine „geleakte“, also unfreiwillig veröffentlichte, E-Mail einer namentlich nicht genannten Mitarbeiterin des Business Department der Regierung, das den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vorbereiten soll. „Ich frage mich wirklich“, wird die Dame zitiert, „inwieweit eine Amazon-Rezension angesichts der Neigung der Konsumenten, im Internet einzukaufen, Kennzeichnungen ersetzten könnte, die die Einhaltung von Sicherheitsanforderungen gewährleisten.“ Der „Brexit-Schattenminister“ der oppositionellen Labour Party zeigt sich entsetzt und wies darauf hin, dass Sicherheitsgarantien für medizinisches Zubehör und Kinderspielzeug etwas anderes seien als „die Besprechung eines neuen Blockbusters oder einer Episode von Game of Thrones“.

Etwas weniger polemisch betrachtet liefern Amazon-Rezensionen tatsächlich oft hilfreiche Informationen. Dass grundsätzlich jeder sie schreiben und veröffentlichen kann, solange man sich an einen halbwegs moderaten Umgangston hält, ist allerdings Segen und Fluch zugleich. Die persönlichen Erfahrungen einzelner Nutzer helfen bei der Orientierung im Warendschungel, manche Rezensionen sind sogar durchaus professionell geschrieben. Sicherheitsfragen werden darin aber eher selten behandelt. Viele Bewertungen spiegeln ganz offensichtlich auch oberflächliche erste Eindrücke wieder, beziehen sich auf beschädigte Sendungen oder Ähnliches oder lassen allzu  deutlich erkennen, dass der Autor, aus welchen Gründen auch immer, nicht wirklich objektiv urteilt. Wer die Verfasser im Einzelnen sind, lässt sich in der Regel ebenfalls kaum eruieren. Und was ist mit Produkten, die ganz neu auf dem Markt sind, und zu denen es deshalb kaum oder noch gar keine Rezensionen gibt? Ganz zu schweigen davon, dass es zum Glück immer noch viele Menschen gibt, die im Einzelhandel einkaufen. Sollen die Händler in Großbritannien künftig Amazon-Rezensionen auf ihre Waren kleben?

Etwas weniger polemisch sollte man  bei dieser Gelegenheit eine echte Errungenschaft der Europäischen Union hervorzuheben: die CE-Kennzeichnung, die oft auch als „EU-Reisepass für Produkte“ bezeichnet wird. Die Hersteller, die sie an ihren Erzeugnissen anbringen, erklären damit, dass das diese den geltenden, von der Gemeinschaft festgelegten Anforderungen genügen. Ein Qualitätssiegel ist diese Kennzeichnung ausdrücklich nicht, aber nichtsdestotrotz rechtlich bindend. Das heißt, dass die missbräuchliche Verwendung strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Die Hersteller tun also gut daran, sich an die Richtlinien und Verordnungen zu halten, die für die jeweilige Produktgruppe gelten. Für besonders sicherheitsrelevante Bereiche ist zudem die Prüfung durch „benannte Stellen“, also staatlich zertifizierte und überwachte private Prüfstellen, erforderlich. Das System mag nicht perfekt sein, und sicher kann und muss man über einzelne Vorschrift streiten. Trotzdem sollten wir wirklich froh sein, dass wir es haben, ob wir nun lieber im Internet einkaufen oder im Laden.

Steffen Haubner

Über Steffen Haubner

Steffen Haubner M.A. schloss 1997 sein Studium Soziologie an der Universität Hamburg ab. Seitdem arbeitet er als freier Autor und Fachlektor für zahlreiche Verlage und Publikationen mit den Schwerpunkten Technik und Neue Medien. Insbesondere widmet er sich den Themenbereichen Windows, Mobilfunk, Sicherheit, Games und Multimedia. Er ist für diverse Tageszeitungen und Magazine tätig. Außerdem verfasste er mehrere Belletristik-Titel und Fachbücher, zuletzt „Android-Tablets für Einsteiger“ (VKI, Wien 2014).

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